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Artikel Tagged ‘Perlentaucher’

Neues aus dem Philologenköfferchen des Riesen Reuß

19. Juli 2009
Totentanz
Image by lutzland via Flickr

Der Heidelberger Appell, ein an Schärfe, Lächerlichkeit und Dramaturgie zunehmend anschwellender Bocksgesang, erfährt in dem folgenden Zitat aus dem Perlentaucher eine süffisante Kriegsberichtserstattung (“Straftat gigantischen Ausmaßes”) von der kämpfenden Front deutscher Geisteswissenschaftler.

Eine elfenbeinfarbene Elite, die von einer zunehmend unwilligen Schaar von Steuerzahlern ausgehalten werden (muss?) und deren Oberindianer derzeit Roland Preuß zu sein scheint, Ihro Prächtigkeit von Gottes Gnaden, auf ewig thronend im Olymp der deutschen Geisteswissenschaft, von wo er aus unwillig bis unwirsch auf einen völlig verblödeten, durch und durch kriminellen, verlogenen, und für das Ende der weissen, europäischen Vorherrschaft verantwortlichen Mob herab blickt. Wohlgemerkt, der Mob sind WIR, du und ich, verstanden? Zu den versprochenen Zitaten aus dem Perlentaucher:

Es war die Stunde Roland Reuß‘, dessen verbliebene Haarpracht den Kahlkopf umkränzt, als sei sie aus Lorbeer geflochten. Das passte zur Feierlichkeit seines Diskurses. Reuß ist Erfinder des Heidelberger Appells. Von “Hingabe” war die Rede, von “Sorge“, “Verantwortung” und “Werkherrschaft“. Reuß ist Editionswissenschaftler, Herausgeber der penibelst möglichen Kafka-Ausgabe, darum aber rhetorisch nicht untalentiert. Bestimmte Wörter wie “Blogs“, “Community“, “Geschäftsmodell” packte er in die stachligsten Anführungszeichen, die sein Philologenköfferchen bereit hielt. Es hörte sich ein bisschen an wie ein live vorgetragener Manufactumkatalog, der Kampf der Wählscheibe gegen das Tastentelefon.

Reuß betonte zu Beginn seines Vortrags, dass es ihm ausschließlich um die persönlichkeitsrechtlichen, keineswegs die vermögensrechtlichen Aspekte des Themas gehe, nämlich um sein verbrieftes Recht als Autor zu bestimmen, in welcher Form seine Werke publiziert werden. Und dies auch gegen die “allgemeine Respektlosigkeit der sogenannten Konsumenten”. Es herrsche im Internet ein “hedonistischer und antiindividualistischer Furor, der leicht ins Kannibalistische abgleiten kann”. Gegen die “populistischen Diskurse” derer, die “alles gleich und umsonst haben wollen” brachte er das “geistige und sittliche Band zwischen Autor und Werk” in Anschlag. Er sei wie der Vater seiner Werke. Der von ihm beschworene Zwang zu Open Access und Googles Bemächtigung erschienen wie eine Entführung seiner Kinder in ein Stadion, wo sie dann ohne weitere Aufsicht einem entfesselten Mob ausgeliefert wären … Am Ende seiner Rede wurde er konkret: “Das Zivilrecht reicht nicht aus.” Reuß forderte ein selbsttätiges Eingreifen der Staatsanwaltschaft. Dafür müssten Urheberrechtsverstöße zur Straftat erklärt werden. Und dies möglichst auf europäischer Ebene. Das aufgewühlte Publikum entließ er in die Kaffeepause.”

Ich bin erschüttert, halte aber gerade noch fest: Roland Reuß, ein typischer Teil jener akademischen Elite, Appendix einer mit Millionen von Euro hochsubventionierten Zunft, die sich großmäulig in den Olymp erhebt und das zahlende Publikum als blöde Bande von Arschlöchern charakterisiert, “Geschäftmodelljodlern, die mit den Stimmen von Eunuchen sprechen, welche, selbst unfruchtbar, mit der Arbeit anderer Geld verdienen wollen” – was machen Geisteswissenschaftler eigentlich anderes??? – Roland, wir danken dir! Müssen wir!

Wirklich! Machst du uns doch endlich unsere elende, wurmgleiche und parasitäre Existenz deutlich, die nur von Geisteswissenschaftlern vor dem endgültigen Zerfall der Zivilisation, gegenseitigem Mord, Totschlag und Kannibalismus gerettet werden kann.

Polemischer und nicht sachdienlicher Zwischenruf: Wieviele Grundschullehrer könnten eigentlich eingestellt werden, wenn wir die Geisteswissenschaftler in die Wüste schicken? Wer würde sie vermissen und was würde die Welt verlieren, würden die folgenden Werke eines einsamen Genies wie Reuß nicht vom Steuerzahler und von niemand anderem als dem Steuerzahler bezahlt werden?

»… uns, was wahr ist, zu verbergen«. Notizen zur Sprache von Kleists »Lustspiel« 
»Der zerbrochne Krug«, in: Brandenburger Kleist-Blätter 8 (Basel, Frankfurt am Main 1995), 3-18.
»Leimruthen«. Zum Problem der Kunst in Kleists »Käthchen von Heilbronn«,
in: BKB 16 (2004), 3-20.
Rezension von Peter Burnhill: Type spaces. In-house norms in the typography of
Aldus Manutius, in: TEXT 9 (2004), 185-191.
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Heidelberger Appell & Co

27. April 2009
Portrait of Max Planck (1858-1947), Physicist
Image by Smithsonian Institution via Flickr

Als alteingesessener Heidelberger (we built this city!) bin ich über den professoralen Dünnpfiff, der unter dem Namen “Heidelberger Appell” durch die Medien geistert, natürlich wenig erbaut. Roland Reuß, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und Leiter des Editionsprojekt „Historischkritische Franz-Kafka-Ausgabe“ schwadronierte in der FAZ über “Unsere Kultur ist in Gefahr”, ein hochsubventionierter Akademiker, der ohne Führerschein, aber dafür mit 190 kmh ohne (Internet)Führerschein im Rückwärtsgang durch die Zukunft rasen möchte – das kann nicht gut gehen.

Wird es auch nicht und da hilft auch die tatkräftige Unterstützung des Feuilleton von FAZ bis ZEIT wenig, denn

Die Debatte um Internet und Urheberrecht zeigt vor allem eines: den Unwillen weiter Teile des Führungspersonals hierzulande, sich auf die neue Wissensökonomie des Internets einzulassen. Statt zu gestalten wird gezetert. Dabei kann das Urheberrecht allein die alten Institutionen nicht retten.

Wohl wahr – und empfehlenswert vor diesem Hintergrund ist die Lektüre von “Kostenlos-Kultur ≠ Urheberrechtsverletzung: 10 Thesen zum Modernisierungsversagen der Medieneliten”. Zynisch könnte man anmerken, daß sich das Problem vergreister Publikationen in Kürze gerontologisch und vom Anzeigenschwund her ganz von alleine löst, ganz im Sinne von Max Planck, der In seiner 1948 erschienenen „Wissenschaftlichen Selbstbiographie“ schreibt:

„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.”

Muss sein
Sachlich-genüsslich, was sicher auch auf den langen Rechtsstreit zwischen dem Perlentaucher und der FAZ zurückgeht, ging Matthias Spielkamp in “Open Excess: Der Heidelberger Appell” auf die teils haltlosen Argumente und Vorwürfe ein, eine Debatte, die viel zu wichtig ist, als daß man sie so ohne weiteres übergehen kann. Warum? Das skizziert Thomas Knüwer im Handelsblatt-Blog unter der Überschrift “Ein Erbe, das man ertragen muß“:

Gaschke also fordert eine Sperre von raubkopierten Inhalten. Interessant. Denn bald könnten ihre Artikel ja auch darunter fallen. Wieso? Weil sie durchaus auch mal zitiert. Andere Medien zitiert, genauer gesagt. Und das könnte bald als unerlaubte Kopie durchgehen, setzen sich einige Verlage durch, allen voran die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”.

Die bereitete nach meiner Meinung fast unbemerkt das Feld für eine Offensive der Zeitungshäuser. Am 9. April erschien ein Gastbeitrag des Juristen Jan Hegemann mit der Überschrift “Schutzlos ausgeliefert im Internet”. In diesem forderte er ein Leistungsschutzrecht der Verleger, ähnlich den Rechten von Musik- und Filmproduzenten. Faktisch bedeutet das: Zitate von Texten sollen honoriert werden.

Ein Schelm ist, wer Böses dabei denkt, hier eine korrekte Kritik an Hegemanns haltlosen Hirngespinsten, – und ich schreibe diesen thread übrigens als Abonnent von zwei Tageszeitungen, einem Wochenblatt, mehreren Monatsmagazinen und als gern gesehener Kunde deutscher Bahnhofskioske … also Ball flach halten!

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