Neues aus dem Philologenköfferchen des Riesen Reuß

- Image by lutzland via Flickr
Der Heidelberger Appell, ein an Schärfe, Lächerlichkeit und Dramaturgie zunehmend anschwellender Bocksgesang, erfährt in dem folgenden Zitat aus dem Perlentaucher eine süffisante Kriegsberichtserstattung (“Straftat gigantischen Ausmaßes”) von der kämpfenden Front deutscher Geisteswissenschaftler.
Eine elfenbeinfarbene Elite, die von einer zunehmend unwilligen Schaar von Steuerzahlern ausgehalten werden (muss?) und deren Oberindianer derzeit Roland Preuß zu sein scheint, Ihro Prächtigkeit von Gottes Gnaden, auf ewig thronend im Olymp der deutschen Geisteswissenschaft, von wo er aus unwillig bis unwirsch auf einen völlig verblödeten, durch und durch kriminellen, verlogenen, und für das Ende der weissen, europäischen Vorherrschaft verantwortlichen Mob herab blickt. Wohlgemerkt, der Mob sind WIR, du und ich, verstanden? Zu den versprochenen Zitaten aus dem Perlentaucher:
Es war die Stunde Roland Reuß‘, dessen verbliebene Haarpracht den Kahlkopf umkränzt, als sei sie aus Lorbeer geflochten. Das passte zur Feierlichkeit seines Diskurses. Reuß ist Erfinder des Heidelberger Appells. Von “Hingabe” war die Rede, von “Sorge“, “Verantwortung” und “Werkherrschaft“. Reuß ist Editionswissenschaftler, Herausgeber der penibelst möglichen Kafka-Ausgabe, darum aber rhetorisch nicht untalentiert. Bestimmte Wörter wie “Blogs“, “Community“, “Geschäftsmodell” packte er in die stachligsten Anführungszeichen, die sein Philologenköfferchen bereit hielt. Es hörte sich ein bisschen an wie ein live vorgetragener Manufactumkatalog, der Kampf der Wählscheibe gegen das Tastentelefon.
Reuß betonte zu Beginn seines Vortrags, dass es ihm ausschließlich um die persönlichkeitsrechtlichen, keineswegs die vermögensrechtlichen Aspekte des Themas gehe, nämlich um sein verbrieftes Recht als Autor zu bestimmen, in welcher Form seine Werke publiziert werden. Und dies auch gegen die “allgemeine Respektlosigkeit der sogenannten Konsumenten”. Es herrsche im Internet ein “hedonistischer und antiindividualistischer Furor, der leicht ins Kannibalistische abgleiten kann”. Gegen die “populistischen Diskurse” derer, die “alles gleich und umsonst haben wollen” brachte er das “geistige und sittliche Band zwischen Autor und Werk” in Anschlag. Er sei wie der Vater seiner Werke. Der von ihm beschworene Zwang zu Open Access und Googles Bemächtigung erschienen wie eine Entführung seiner Kinder in ein Stadion, wo sie dann ohne weitere Aufsicht einem entfesselten Mob ausgeliefert wären … Am Ende seiner Rede wurde er konkret: “Das Zivilrecht reicht nicht aus.” Reuß forderte ein selbsttätiges Eingreifen der Staatsanwaltschaft. Dafür müssten Urheberrechtsverstöße zur Straftat erklärt werden. Und dies möglichst auf europäischer Ebene. Das aufgewühlte Publikum entließ er in die Kaffeepause.”
Ich bin erschüttert, halte aber gerade noch fest: Roland Reuß, ein typischer Teil jener akademischen Elite, Appendix einer mit Millionen von Euro hochsubventionierten Zunft, die sich großmäulig in den Olymp erhebt und das zahlende Publikum als blöde Bande von Arschlöchern charakterisiert, “Geschäftmodelljodlern, die mit den Stimmen von Eunuchen sprechen, welche, selbst unfruchtbar, mit der Arbeit anderer Geld verdienen wollen” – was machen Geisteswissenschaftler eigentlich anderes??? – Roland, wir danken dir! Müssen wir!
Wirklich! Machst du uns doch endlich unsere elende, wurmgleiche und parasitäre Existenz deutlich, die nur von Geisteswissenschaftlern vor dem endgültigen Zerfall der Zivilisation, gegenseitigem Mord, Totschlag und Kannibalismus gerettet werden kann.
Polemischer und nicht sachdienlicher Zwischenruf: Wieviele Grundschullehrer könnten eigentlich eingestellt werden, wenn wir die Geisteswissenschaftler in die Wüste schicken? Wer würde sie vermissen und was würde die Welt verlieren, würden die folgenden Werke eines einsamen Genies wie Reuß nicht vom Steuerzahler und von niemand anderem als dem Steuerzahler bezahlt werden?
»… uns, was wahr ist, zu verbergen«. Notizen zur Sprache von Kleists »Lustspiel« »Der zerbrochne Krug«, in: Brandenburger Kleist-Blätter 8 (Basel, Frankfurt am Main 1995), 3-18.
»Leimruthen«. Zum Problem der Kunst in Kleists »Käthchen von Heilbronn«, in: BKB 16 (2004), 3-20.
Rezension von Peter Burnhill: Type spaces. In-house norms in the typography of Aldus Manutius, in: TEXT 9 (2004), 185-191.
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